1. Mai-Rede in Thun

Kolleginnen und Kollegen

Genossinnen und Genossen


Ich und meine Geschwister sind in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen. Jedes Zimmer hatte einen eigenen Holz- oder Ölofen und wenn wir am morgen aufgestanden sind, mussten wir erst einmal Holz hacken, um die Wohnung heizen zu können. Das Wasser in der Badewanne haben wir immer zweimal benutzt, und oft haben wir mitbekommen, wie sich unsere Eltern am Ende des Monats den Kopf darüber zerbrachen, wie sie die Rechnungen bezahlen sollen. Für uns alle eine Ausbildung zu bezahlen, wäre nicht „dringeliegen". Wir konnten unsere Ausbildungen machen, weil wir Stipendien erhalten haben und zwar alle. 


Chancen für Alle, nicht nur für Wenige

Ich und meine Geschwister hatten Glück, weil wir in einem Kanton gross geworden sind, der damals genügend hohe Stipendienbeiträge bezahlt hat. Ich mag mich aber noch an Studienkolleginnen und -kollegen erinnern, die nur ein paar tausend Franken pro Jahr erhalten haben und die ihre Studien- und Lebenskosten dadurch nicht decken konnten. Einige meiner Mitstudierenden haben das Studium deswegen hingeschmissen. 20% all jener, die ihr Studium abbrechen, tun dies, weil sie zu wenig Geld haben. Viele beginnen gar nicht erst mit einer Ausbildung, weil sie wissen, dass sie das Studium nicht bezahlen können.


Die Stipendieninitiative will dies ändern: sie fordert, dass Stipendien einen minimalen Lebensstandard gewähren müssen und dass die Richtlinien für die Stipendienvergabe schweizweit einheitlich sind. Zusammen haben wir nun am 14. Juni 2015 die Möglichkeit, uns gemeinsam für mehr Chancengleichheit für unsere Kinder einzusetzen. Wir leben in einer Demokratie und eine Chance zu haben, sollte in einer Demokratie kein Privileg für die gut Verdienenden sein, sondern es sollte ein Recht für Alle sein.


Bildung: Unser Wirtschaftsmotor!

Die Stipendieninitiative ist aber nicht nur ein sozialpolitisches Thema, sondern hat auch wirtschaftspolitische Wichtigkeit. Die Schweiz verfügt über keine Rohstoffe, wir haben kein Öl, kein Gold, gar nichts. Bildung und damit gut ausgebildete Fachkräfte sind der Wirtschaftsmotor, der unser Land so erfolgreich macht. In diesen Wirtschaftssektor nicht zu investieren, ist deshalb grob fahrlässig. 


Und ich möchte auf Folgendes hinweisen: die Stipendieninitiative schafft nicht nur für unsere Kinder faire Chancen, sondern auch gestandene Berufsleute können davon profitieren. Weiterführende Ausbildungen sind mit eingeschlossen: Der Koch, der die Hotelfachschule machen möchte, die Fachfrau Gesundheit, welche Pflegefachfrau werden will, der Polymechaniker, der diplomierter Techniker werden will.


Die Schweiz ist auf gut ausgebildete Fachkräfte angewiesen. Das Volk hat letztes Jahr Ja zur Masseneinwanderungsinitiative gesagt. Schon heute haben wir aber in vielen Bereichen einen Fachkräftemangel und sind deshalb darauf angewiesen, Berufsleute aus dem Ausland zu rekrutieren und dies hat Konsequenzen auf dem Arbeitsmarkt, in vielen Bereichen werden die Löhne durch ausländische Fachkräfte massiv gedrückt. Wenn die Masseneinwanderungsinitiative umgesetzt wird, wird es für die Schweiz nicht mehr so einfach sein, fehlende Fachkräfte im Ausland zu rekrutieren. Umso wichtiger ist es, in Aus- und Weiterbildungen zu investieren - damit unsere Wirtschaft nicht zum Erliegen kommt. 



Deshalb:

Ja zur Chancengleichheit in der Bildung

Ja zu einem starken Wirtschaftsmotor in der Schweiz

Ja zur Stipendieninitiative



Kommentar schreiben

Kommentare: 0